Carola Dewor
Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 12. November 2004, Galerie im Gewölbe, Nauklerstr. 37, Tübingen

Gudrun von Funck
"Irak 2003 / die Farben der Kriegsberichterstattung"
48 Tafeln, Ölfarbe auf Plexiglas, in chronologischer Reihenfolge gehängt.

Am 20.03.2003 Gegen 5:30 Ortszeit (3:30 MEZ), gut 90 Minuten nach dem Auslauf des Ultimatums vom 18.03.03, wurde der Irak offiziell von Soldaten aus den USA, Großbritannien und Australien angegriffen.

Seither ist kein Tag vergangen, der uns nicht über eine Unmenge von gesendeten und gedruckten Bildern in die Geschehnisse dieses Landes involviert und deren Ausmaß auch unser Alptraum ist.

Gudrun von Funck setzt sich in ihrer Arbeit mit den massenmedial verbreiteten Bildern des aktuellen Kriegsgeschehens und ihrer Übertragbarkeit in eine malerische Form auseinander. Ihr Referenzmaterial sind die Fotografien des Wochenmagazins "Der Spiegel", Ausgaben 14 bis 36.

Hierbei geht es ihr nicht vordergründig um die malerische Bewältigung von Herrschaftsgebaren, Kampfhandlungen und dem daraus resultierenden Leid, als vielmehr um die Aussagekraft und Wirkung von Bildern.

Ihre Kernfrage ist:
kann die Malerei, als ein langsames, auf sich selbst bezogenes Medium, heute eine andere Relevanz als den gestalterischen Geschmacksfaktor aufweisen?

Schließlich begann die Kunst, um sich selbst zu kreisen seit Cezanne die "Wahrheit in der Malerei" versprochen hat und die darauf folgenden Avantgardebewegungen den Inhalt zugunsten formaler Diskurse zurückdrängten.

GvFs Irak-Serie berührt in ihrer Vorgehensweise aber nicht nur die malerischen Traditionen und deren Entwicklung bis heute, sondern ebenso die fotografischen Techniken und ihren Einsatz auf den Kriegsschauplätzen der Welt seit der Mitte des 19. Jhr., auf die ich später etwas näher eingehen werde.



Zunächst zu der hier gezeigten Arbeit selbst:
Wie schon der Titel "Irak 2003 - die Farben der Kriegsberichterstattung" signalisiert, nimmt die Malerei in erster Linie Bezug auf die Farben der gedruckten Bilder. Es sind Farben die durch mehrere technische Prozesse gefiltert und verschoben worden sind und uns flach, fern und künstlich erscheinen, wenn sie uns erreicht haben.

Die Unschärfe des Farbauftrags unterstreicht die Tatsache, daß die gemalten Bilder weit entfernt vom Handlungsort entstanden sind, im Gegensatz zur Schärfe der Fotografien auf die sich die Malerei bezieht, mit ihrer unmittelbaren Nähe zum Geschehen in Verbindung gebracht werden kann.

Es entstehen horizontale Farbverläufe deren Eindruck des Landschaftlichen durch Sand-, Himmels-, Feuer- und Rauchfarben unterstützt wird.
Ein emotionaler, expressiver Pinselduktus, durch den die persönliche Anteilnahme der Malerin gespiegelt werden könnte wird vermieden. Kein privater Schmerz wird zum Bildmotiv der Malerei, sowie auch kaum einmal zu dem der Fotografien. Farbproportionen sind alles was wir hier an Informationen gewinnen.

Die Bildtitel, von der Schauspielerin Dietmute Zlomke im Stil der Nachrichtensprecherinnen wieder gegeben, sind unabdingbarer Bestandteil der 48teiligen Arbeit und geben uns Hinweise auf die gedruckten Vor-Bilder des Spiegel-Magazins. Sie kommentieren die kriegsbedingten Vorkommnisse im Irak z.B. mit "US-Bombardement nahe Dschamdschmal" oder "zerbombtes Haus in Bagdad".

Unwillkürlich beginnen wir unsere Erinnerung nach ähnlichen, uns bekannten Bildern zu durchforsten, die wir mit dem, was die bemalten Tafeln zu sehen geben, in Verbindung zu bringen suchen.

Die in den Titeln vermutete Dramatik wird allerdings weder, wie man erwarten könnte, mit dem Abbild vergleichbar noch in allegorischer oder symbolischer Form dargestellt. Die Malerin hat jegliche Gegenständlichkeit, jeglichen Wiedererkennungswert eliminiert.



In G v Fs Irak-Serie schwingt nicht nur die Entwicklung der Malerei bis heute mit, sondern auch die Geschichte der Fotografie und unser täglicher Umgang mit ihr.

Der Einsatz der Fotografie zur Kriegsberichterstattung ist fast so alt wie ihre Erfindung selbst.

Jedoch erst im Jahr 1855 wurde Roger Fenton, Hoffotograf von Queen Victoria und Mitbegründer der "Royal Photographic Society", zum ersten Mal ein offizieller Auftrag zur Dokumentation der Ereignisse im sog. Krimkrieg erteilt. Prinz Albert forderte dabei ausdrücklich keine toten Körper zu zeigen.

Fenton hatte noch mit der umständlichen Technik des Nasskollodium Verfahrens zu kämpfen, bei dem die Fotoplatten im feuchten Zustand belichtet werden mussten. Selbstverständlich konnten auf diese Weise keine Schnappschüsse gemacht werden und die, für heutige Verhältnisse einfache Fototechnik, ließ ihn entweder nur stillstehende oder absichtlich herausgeputze Soldaten ablichten. Seine Schlachtfelder hingegen blieben aufgrund des langwierigen technischen Verfahrens meist leer.

Während Fenton bewusst die Darstellung gefallener Soldaten vermied und die Kriegsereignisse damit beschönigte, scheuten einige Fotografen des amerikanischen Bürgerkriegs nicht davor zurück die Gefallenen für ihre Bilder in eine effektive Pose zu bringen.

Mit der weiteren technischen Entwicklung veränderte sich nicht nur die Art der Fotodokumentation sondern die Kriegsführung selbst. Ende des 19 Jhr. mussten sich die kämpfenden Soldaten durch den Einsatz von Schusswaffen nun nicht mehr überwiegend unmittelbar gegenüber stehen, sondern befanden sich in einer Entfernung von mehreren hundert Metern dem Feind gegenüber. Das Schlachtfeld erschien somit leer, der Feind praktisch unsichtbar. Solche Kämpfe zu fotografieren war fast unmöglich.

Robert Capa war es schließlich der während des spanischen Bürgerkriegs, lange nachdem die Fotografie mobil geworden war, sein berühmtes Diktum ausrief, ein Bild sei nur dann schlecht, wenn der Fotograf nicht nahe genug am Geschehen gewesen sei. Ein Satz der noch immer für die fotografische Kriegsdokumentation bestimmend ist.
Seiner Technik der leicht unscharfen Ablichtung des Motivs sollte den Eindruck größerer Unmittelbarkeit und stärkerer Dramatik vermitteln, so als hätte der Fotograf in lebensgefährlicher Situation keine Zeit gehabt die Linse richtig scharf zu stellen.Ein dokumentarischer Anspruch im Sinne Capas ist unbestreitbar verdienstvoll und ohne die Leistungen vieler Kriegsfotografen schmälern zu wollen, muß man eingestehen, daß nicht nur seine Vorgehensweise der bewussten Auswahl von Motiven und Szenen, stark manipulierende Aspekte aufweist.
In der bildenden Kunst sind die Darstellungen von Schlachten, Krieg und Greuel eines ihrer wichtigsten und ältesten Themen.

Aufmärsche, Kampfszenen und heroische Begegnungen werden seit frühgeschichtlicher Zeit und in allen Kulturen in Bildern festgehalten.

Die Auftraggeber waren oftmals die Herrscher, die ihre Macht durch die Sinnlichkeit künstlerischer Gestaltung, in heroischen Posen und eindringlichen Farben demonstrieren wollten. Sieger und Besiegte und die jeweiligen Errungenschaften der neuesten Kriegstechnik wurden in unzähligen Beispielen dargestellt.

So hat Diego Velázquez 1635 die "Übergabe von Breda", als großmütige Geste des Siegers gegenüber dem Besiegten, als eine so humane wie diplomatische Begegnung festgehalten, die weder in den beiden ersten Weltkriegen, noch in den gegenwärtigen high-tech Kriegen vorstellbar ist.

Michelangelo zeigt in der Darstellung der "Schlacht von Cascina" von 1504 nicht das Grauen eines wirklichen Kampfes, sondern nimmt sie, nicht weniger als mythologische Themen, als Vorwand für die Darstellung nackter Körper.

Auch bleibt die Abbildung des Krieges häufig im Allegorischen gefangen, so z.B. in der Tradition der mittelalterlichen Totentänze, die den Tanz des Todes mit Ritter oder Landsknechten zeigen.

Am Hofe waren die Maler an Aufträge gebunden, die so gut wie keinen Spielraum für Herrschaftskritik ließen. Goya überschreitet schließlich seinen Status als bewunderter Hofmaler indem er 1814 die "Erschießung der Aufständischen" malt. Hiermit versucht er erstmals Anklage gegenüber der Machtausübung einer ungerechten und gesichtslosen Herrschaft zu erheben und beginnt mit den "Desastres de la Guerra" (1810 - 1820) eine fundamentale Kritik an einer von Menschen begangenen Inhumanität.

Künstler-Ingenieure wie Leonardo da Vinci, dessen Forscherdrang nicht vor dem Entwurf von Kampf- und Belagerungsmaschinen Halt machte, bis hin zu Hitlers Architektem Albert Speer, der Fahnenwälder kreierte und Lichtdome in den Himmel projizierte, belegen die Wechselwirkungen von Kunst, Krieg und Technik bis in die heutige Zeit.



Kritische Darstellungen von Krieg und Elend haben unzweifelbar einen wichtigen und aufklärerischen Aspekt wie z.B. Picassos Guernica. Künstlerinnen und Künstlern, für die das Thema des Krieges existenziell war: Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz und vielen weiteren, war aber gleichzeitig bewusst, daß die Wirkungsmöglichkeit gemalter Bilder begrenzt ist.

Auch wir wissen, daß die Tragik des Krieges sich ebensowenig anhand von Schlachtengemälden und expressiver Malerei darstellen lässt, wie durch technicholorfarbene neue Medien oder Fotografien.

Gudrun von Funck hat einen Weg gefunden auf pathetische Übersteigerung und agitative Inszenierung zu verzichten und uns dennoch sinnlich wahrnehmbar mit denken und empfinden zu lassen.

Mit "den Farben der Kriegsberichterstattung" beschreitet sie einen neuen Weg in der Malerei. Indem sie uns den Vorgang des Malens und die Wirkung von Farbe vor Augen führt, beruft sie sich auf die moderne Auffassung von Malerei als ein sich selbst thematisierendes Medium.

Da allerdings die Farben ihrer Tafeln auf massenmedial verbreitete Bilder zurückzuführen sind, die uns betreffende, weltpolitische Entscheidungen und deren Auswirkung zeigen die uns in vielerlei Hinsicht verändern, führt diese Selbstreflektion des Mediums weit über sich hinaus.

Gudrun von Funcks Bildtafeln sind Malerei, Imaginations- und Projektionsfläche. Sie können unsere Erinnerung wachhalten und unserer Ohnmacht Ausruck verleihen.


Carola Dewor
November 2004
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