Einführung von Ulrike Stiens, Germanistin, zur Ausstellung
“der vater erklärt seinem sohn die gesellschaftlichen zusammenhänge”
in der Galerie Weisses Häusle, Hechingen, 14. 09. 2003
Auszüge...

“der vater erklärt seinem sohn die gesellschaftlichen zusammenhänge”

Gehört es zu den liebgewordenen Gepflogenheiten der Rezeption, dem Titel einer Ausstellung relevante Hinweise für die sinnfällige Erschließung des Gezeigten zu entnehmen, irritiert der hier verwendete eben diesen vertrauten Reflex der Kunstbetrachtung. Selbstbewußt steht nebeneinander, was unvermittelt scheint. Explikative Titelgebung und geometrisch austarierter Farbeinsatz wollen sich nicht mühelos in ein dialogisches Verhältnis begeben.

Wer erklärt hier wem was und zu welchem Zweck? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Des Rätsels Lösung verbirgt sich im Objekt der Rede des Vaters an den Sohn. Es geht um Zusammenhänge. Es geht um Gesellschaftliches. Es geht um Konstruktionen unseres Seins in der Zeit.

Unhintergehbar konkret wie provokant verstiegen gleichermaßen benennt der Titel, den Gudrun von Funck für die heutige Ausstellung gewählt hat, somit ein zentrales Sujet ihres bildnerischen Schaffens. Seit Ende der 1990er Jahre setzt sich die Tübinger Künstlerin mit der Formensprache des Karos auseinander. In den Rastern, Reihungen und Divisionen des Karomusters findet sich die Idee des Zusammenhangs auf den ästhetischen Punkt gebracht. Die stets gewährleistete Verbundenheit eines jeden Partikels mit den anderen im Netz der Linien dekliniert das Zusammenspiel von Farbe und Form auf der Fläche in wechselnden Modalitäten durch.

Angeregt nicht zuletzt durch Maxime der Konkreten Kunst sucht Gudrun von Funck nach in der Malerei gehbaren Formulierungen, die zweierlei zugleich leisten: Gilt es zum Einen, positive Gegenentwürfe zu den Negativauswüchsen unserer Individualgesellschaft zu bilden, ist zum Anderen der Aufforderung nachzukommen, die Malerei nicht auf die Funktion der Mimesis zu reduzieren.

In einem Essay von Max Bill, der hier Erwähnung finden soll als einer der prominenten Vertreter konkretistischer Programmatik, liest sich das Anliegen der Konkreten Malerei wie folgt: “konkrete kunst nennen wir jene kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigenen mittel und gesetzmäßigkeiten – ohne äußerliche anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion – entstanden sind. konkrete kunst ist in ihrer eigenart selbständig.”

Geht die abstrakte Kunst zumindest strukturell noch mimetisch, d.h. abbildend, spiegelbildlich vor, da ihr ein zu Abstrahierendes vorausgehen muß, will die Konkrete Kunst reine Malerei sein. Ihr dringliches Anliegen ist es nicht, abzubilden. Sie will zuallererst bilden. Kurz: die Malerei macht auf sich selbst aufmerksam mit den ihr eigenen Mitteln.

Wie versteht sich dann die Selbstbezüglichkeit der reinen Malerei vor dem Hintergrund der Rede von den gesellschaftlichen Zusammenhängen?

Ein doppelter Zugriff ist hier am Werk. Unterbindet die Selbstgenügsamkeit der sorgfältig durchkalkulierten Arbeiten von Funcks widerständig Versuche, den ausgestellten Flächen Bedeutung im Raum der Sprache zu verleihen, ist ihr formelhaftes “Bei Sich Sein” selbst zugleich bedeutungstragend. Davon ausgehend, daß die hier gezeigten Arbeiten wohlweislich nicht Vorgefundenes abbilden wollen, drängt sich die Frage nach dem, was sie nun bilden, auf. Um diese Frage zu klären, muß sich der Blick dem Allgemeinen ab- und den Einzelarbeiten zuwenden.

Die Arbeit, welche der Ausstellung zum Titel verhalf, besteht aus 21 Teilen, die in einen kohärenten Verlauf eingebunden sind: von Funck nimmt in der Serie stets eine Farbe aus einem Bild mit in das nächste. Locker spielt sie sich durch die Variationsmöglichkeiten von Farbqualität und Raumteilung. Das jeweils neue Element knüpft an das ihm Vorausgehende an, treibt die Serie gleichsam unaufhaltsam weiter. Entscheidend für die Gestaltung des Einzelbildes ist, daß im Dialog der Farben Ausgewogenheit herrscht. Die Getragenheit auf der Fläche steht im Vordergrund. Still breitet sich jedes Element für sich auf der Fläche aus und bezieht seine Dynamik doch wesentlich von der Eingebundenheit in das Gesamte. Das je eigene erklärt sich aus der Bezogenheit zum jeweils anderen. Das Prinzip der Serie lebt vom Fluß, von Vernetzung und Prozeßhaftigkeit.

Nehme ich den Titel wörtlich, wird in der Arbeit “der vater erklärt seinem sohn die gesellschaftlichen zusammenhänge” somit ein Gesellschaftsentwurf vorstellig, der ein harmonisch getragenes Miteinander meint, das dem Einzelnen sowie der Allgemeinheit gerecht werden will. Wenn auch die Arbeit den Aspekt des Zusammenhangs aufgreift, weicht sie in ihrer Zielrichtung dabei doch vom autoritären Gestus des Vater-Sohn-Gesprächs ab. Ereignet sich die Vermittlung von Wissen durch den Vater an den Sohn in einem klar hierarchisch definierten Verhältnis, erklären sich die Zusammenhänge im Bild aus einem gleichberechtigten Spiel heraus. Wo die Rede vom Vater an den Sohn den status quo lediglich rhetorisch einholt, verweist die Serie auf ein erstrebenswertes Zukünftiges. Wo das Wort einengt, öffnet die Malerei. Wo der Vater abbildet, bildet die Serie...
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